© Stephanie Schaefers

Oliwia Hälterlein – Wir Töchter

Wo beginnt ein Leben als Mutter und ist zugleich auch ein Leben als Tochter? In WIR TÖCHTER steht genau diese Frage im Zentrum: Wie lassen sich Familien- und Herkunftsgeschichte als Aufeinanderfolge und Ineinandergreifen weiblicher Rollenbilder erzählen?

Nach der Entfernung eines Eileiters fühlt sich die Ich-Erzählerin, als sei die Kette der Mütter und Töchter in ihrer Familie durchtrennt. Obwohl sie keinen Kinderwunsch verspürt, schmerzt sie die Vorstellung, dass die Familiengeschichte bei ihr enden könnte. In diesem Moment verändert sich auch der Blick auf ihre Vorfahrinnen, vor allem auf die Großmutter Marianna und die Mutter Róża.

Der Roman springt zwischen den Lebensphasen von Marianna, Róża und Erzählerin Waleria. Wir begegnen ihnen als ungestüme Mädchen im Schatten der Brüder, als junge Frauen voller Aufbruchssehnsucht – und erleben, wie sie sich doch immer wieder den Rollenerwartungen ihrer Zeit beugen müssen. Ungewollte Schwangerschaften, Beziehungskompromisse, verpasste Träume: Die Herausforderungen ähneln sich über Generationen hinweg.

In Rückblenden führt die Geschichte in ein kleines polnisches Dorf, in dem Marianna aufwuchs. Später flieht Róża vor Enge und starren Traditionen nach Gdańsk, folgt ihrer Liebe Szymek schließlich nach Deutschland. Doch statt der erträumten Freiheit fristet sie dort mit der kleinen Waleria ein hartes Leben als Putzkraft. Waleria verbringt die Sommer bei ihrer Babcia Marianna, fühlt sich dort als „Baciakind“ geborgen und ihrer Herkunft nah – spürt aber zugleich neue Brüche.

Was liegt wie eine vererbte Schuld auf den Schultern der Frauen? Wovon können sie sich befreien, wie aufbegehren? Zwischen den drei Großkapiteln stehen Passagen über gesellschaftliche Zuschreibungen an Frauen und ihre Körper. Sie wirken wie ein zeitloser Chor, der die individuelle Geschichte in einen größeren Diskurs über Mutterschaft und Frausein einordnet.

Oliwia Hälterlein hat einen ambitionierten Roman geschrieben, der mit seinen Zeitsprüngen, dichten Verflechtungen und zahlreichen polnischen Begriffen Konzentration beim Lesen verlangt. Der Einstieg fiel mir nicht leicht und ich konnte nicht direkt emotionale Verbindungen zu den Figuren herstellen – doch wer sich auf die Gesamtkonstruktion einlässt, entdeckt einen vielschichtigen feministischen Text vor dem Hintergrund von über hundert Jahren polnischer Geschichte.

[Werbung, Rezensionsexemplar]

Infos zum Buch

Genre Roman
Verlag
C.H. Beck
Seitenzahl 357
ISBN 978-3406843372
Erscheinungsdatum 20.02.2026

Vielen Dank an den C.H.Beck Verlag für das Rezensionsexemplar!