Christine Wunnicke – Wachs
- Stephanie Schaefers
- Juli 12, 2026
- #autorinnen, #berenberg, #büchnerpreis, #christinewunnicke, #diekanon, #roman, #weiblicherkanon
Mehr als ein Jahr liegt meine Lektüre von WACHS inzwischen zurück und doch sind mir die einnehmend stacheligen Protagonistinnen, die dunkel-groteske Atmosphäre und die sprühend mitreißende Sprache dieses Romans bis heute präsent.
Schauplatz ist Paris im 18. Jahrhundert. Die Handlung setzt im Jahr 1733 ein, als die junge Marie Biheron in eine Militärkaserne eindringt und Offiziere und Musketiere einfach nach einer Leiche fragt. Endlich will sie ihrem Drang nachgeben, Dinge zu zerlegen und das Innere von Körpern zu begreifen. Außerordentlicher Wissensdrang, starker Wille und unverblümte Direktheit – Eigenschaften, die Marie ihr Leben lang nicht ablegen wird. Damit beeindruckt sie ihre männerdominierte Umgebung ebenso wie die deutlich ältere, zurückhaltendere Madeleine Basseporte, deren Zeichenkurse sie als 15-Jährige besucht. Kurz darauf werden die beiden ein Liebespaar.
Vieles trennt die beiden Frauen, doch sie verbindet die Faszination dafür, das von der Natur Geschaffene in seine Einzelteile zu zerlegen, sein Innerstes zu betrachten und möglichst genau abzubilden. In Maries Händen wird alles zu Wachs – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ihr Frauenschuh überschreitet so manche männliche Schwelle, doch beruflicher Durchbruch und echte Anerkennung bleiben ihr verwehrt. Die einzige Anatomin von Paris, die die Gabe besitzt, Körperteile aus Wachs zu modellieren, gibt später in einem Hinterhof Zergliederungskurse für die Töchter des Adels, während Madeleine versteckt im Kabinett des Jardin du Roi von Versailles sitzt und Pflanzen für Marie Antoinette zeichnet.
Beide Frauen sind ihrer Zeit weit voraus, doch werden nie wirklich dafür anerkannt.
„Man muss es nur immer weiter betrachten. Man muss auf die kleinen Dinge achten. Auf die Schönheit der kleinen Dinge“(67),
erklärt Marie Madeleine zu Beginn ihrer Beziehung. Nach diesem Prinzip verfährt auch Christine Wunnicke. Die fiktive Liebesgeschichte von Marie und Madeleine ist in das große historische Geschehen der Zeit vor und nach der Französischen Revolution einbettet. Obwohl die Autorin eine vermeintlich kleine Geschichte erzählt, schaut sie auf das große Ganze und seziert ihren erzählten Weltausschnitt mit derselben Präzision wie ihre Figuren.
Dieser schmale historische Roman über zwei real existierende Frauen und ihre fiktive Beziehung verbindet auf einzigartige Weise Leben, Liebe und Lust mit Dunkelheit, Verlust und Todesnähe. Christine Wunnicke zeigt, wie formbar, schmiegsam und weich (um drei Begriffe aus WACHS aufzugreifen) ein historischer Stoff sein kann und wie unglaublich viel Aktualitätsbezug er beinhalten kann.
Ich freue mich sehr, dass Christine Wunnicke nun mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde.
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Roman
Verlag Berenberg Verlag
Seitenzahl 176
ISBN 978-3-911327-039
Erscheinungsdatum 27.03.2025
Vielen Dank an den Berenberg Verlag und die Agentur Kirchner Kommunikation für das Rezensionsexemplar!
