Son Lewandowski – Die Routinen
- Stephanie Schaefers
- Mai 5, 2026
- #debüt, #klettcotta, #roman
Als Amik an Izzys Krankenhausbett steht, schaut sie nicht nur auf die verletzte 15-Jährige, von der wenige Tage zuvor noch Höchstleistungen bei der Turn-Europameisterschaft in Antalya erwartet wurden. Sie sieht auch sich selbst und beginnt, ihr eigenes Leben im Leistungsturnen neu zu betrachten. Dass sie mit Anfang 30 nicht mehr im Kader ist, sondern nur noch als Begleiterin mitreist, verändert ihren Blick. Plötzlich werden die ungesunden Routinen und die Jahre körperlicher, psychischer und zwischenmenschlicher Grenzüberschreitungen sichtbar.
Für die jungen Turnerinnen spielt neben dem Siegertreppchen schnell auch der tägliche Schritt auf die Körpergewichtswaage eine vornehmliche Rolle. Dann wird der Arm eines Gummibärchens zur akzeptablen Süßigkeiteneinheit. Sind die Sportler*innen herausragend, werden Turnelemente nach ihnen benannt. Entsprechen sie jedoch nicht den Erwartungen, werden sie durch leistungswilligere Talente ersetzt. So opfern sie dem Leistungssport alles, verzichten auf eigenen Willen und persönliche Bedürfnisse. Nicht umsonst tragen sie austauschbare Namen ehemaliger olympischer Maskottchen wie Amik oder Izzy. Doch in diesen Maskottchen schlummern auch Monster, die nicht füreinander einstehen oder Erfolge teilen können. Zu groß sind Druck und Konkurrenzkampf.
Besonders eindringlich sind die Fragen, die sich daraus ergeben: Der wievielte Radschlag kommt physischer und psychischer Gewalt gleich? Was heißt im Training „freiwillig“, wenn junge Turner*innen früh lernen, ihre Grenzen zu ignorieren? Der Roman stellt diese Fragen nicht abstrakt, sondern verankert sie in Amiks sehr persönlicher Erzählung. Immer wieder wird diese durch eine Wir-Stimme unterbrochen, die wie ein Chor durch die reale Geschichte des Turnens führt und davon berichtet, welchen zweifelhaften Trainingsroutinen, Körperzuschreibungen, öffentlich wahrnehmbaren Diskriminierungen und Missbrauchsfällen Turnerinnen über Jahrzehnte ausgesetzt waren.
„Die Beherrschung nicht zu verlieren ist unsere letzte Disziplin.“ (205)
Son Lewandowski ringt dabei auch ihrer literarischen Sprache fesselnde Turnübungen ab. In den Sätzen existieren die Turner*innen als grammatikalische Subjekte oft gar nicht, diese Funktion übernehmen abstrakte Begriffe und Sportelemente. So entstehen kunstvolle Sätze, die in ihrer Kürze und Präzision schmerzen. Bilder werden gedehnt, Bedeutungen gehen in den Spagat.
„Sich nicht daran erinnern können, wann der Zwang begonnen, wann die Wiederholung sich verletzt hat. […] Routine ist eine Erinnerung ohne Gefühl.“ (119f.)
Ein Debüt, das in DIE ROUTINEN dunkler Trainings- und Hinterräume des vermeintlich glanzvollen Turnsports schaut. Son Lewandowski hat mich mit diesem besonderen Roman inhaltlich und sprachlich gefordert, erschüttert, aber komplett überzeugt.
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Roman
Verlag Klett-Cotta
Seitenzahl 272
ISBN 978-3608967-166
Erscheinungsdatum 17.01.2026
Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag für das Rezensionsexemplar!
