Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule

Wer darf eine Geschichte erzählen – vor allem eine, die von einem Ereignis geprägt ist, über dem ein großes „Warum“ steht, das sich erklärender Antworten entzieht? Wo beginnt eine solche Geschichte, wo endet sie, und wie nah darf man ihr kommen, ohne sie missverständlich zu vereinnahmen?

Diese Fragen überträgt Erdmann auf seinen namenlosen Ich-Erzähler, der eng mit seiner eigenen Biografie verbunden ist. Die Fragen strukturieren nicht nur die inhaltliche Selbstbefragung des Erzählers, sondern auch die Form des Romans. DIE AUSWEICHSCHULE verweigert klare Anfänge und Endpunkte, erzählt zirkulär und macht das Ausweichen, Tasten und Suchen selbst zum poetischen Prinzip.

„Eigentlich mag ich es nicht, wenn Geschichten am Ende beginnen. Der Erzähler drängelt sich nach vorne, macht klar, wer die Kontrolle über die Geschichte hat, nämlich er, weil er das Ende kennt. Man bewegt sich nicht gemeinsam auf das Ende zu, sondern bekommt das Ziel serviert wie ein rotes X auf einer Karte.“ (274)

Im Zentrum steht ein Autor, der als Elfjähriger den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium erlebte. Jahrzehnte später erkennt er, dass ihn das Ereignis – obwohl er am 26. April 2002 kein Augenzeuge des Tötens war – bis in die Gegenwart traumatisch geprägt hat. Als ein Dramaturg ihn um eine Einschätzung zu einer geplanten Theaterinszenierung des Amok-Stoffes bittet, setzt dies eine doppelte Bewegung in Gang: Eine 48-Stunden Reise von Frankfurt nach Bamberg und Erfurt. Und eine Rückkehr in die eigene Erinnerung. Der Erzähler blickt erneut durch die Augen des Kindes von damals und fragt, was er wirklich gesehen hat und was sich im Laufe der Jahre verschoben, überlagert oder verfestigt hat. Auch sein eigener, bereits verfasster Text über den Amoklauf gerät dabei unter Verdacht.

Erdmann gelingt ein vielschichtiger autofiktionaler Roman, der zwischen Dokumentation und Selbstreflexion vermittelt. Die Einbindung von Originalmaterialien, wie dem Gasser-Bericht des Thüringischen Innenministeriums, verleiht dem Text eine beklemmende Authentizität. Dem steht die oft leichte, selbstironische Darstellung des Schreibprozesses des Ich-Erzählers gegenüber. Aus dieser Spannung gewinnt der Roman seine Stärke.

DIE AUSWEICHSCHULE literarisiert den Amoklauf nicht effekthascherisch, sondern zeigt, was Literatur leisten kann: Erinnerung befragen, Widersprüche aushalten und parallele Erzählungen nebeneinander bestehen lassen. Ein eindrucksvoller Roman!

[Werbung, Rezensionsexemplar]

Infos zum Buch

Genre Roman
Verlag
park x ullstein
Seitenzahl 304
ISBN 978-3988160225
Erscheinungsdatum 31.07.2025

Vielen Dank an den Ullsteinverlag für das Rezensionsexemplar!