Julia Wolf – Du, hier
- Stephanie Schaefers
- Juni 6, 2026
- #diekanon, #dtv, #erzählungen, #kurzgeschichten
Sie sind nicht mehr ganz jung. Haben schon Lebensstrecke zurückgelegt. Ihre Körper tragen die Spuren davon. Ihre Seelen haben oft noch tiefere Kratzer abbekommen. Sie wissen zwar, was sie nicht wollen, doch was sie wirklich wollen, bleibt ihnen häufig unklar. Viele haben das Gefühl, an einer entscheidenden Lebenskreuzung falsch oder gar nicht abgebogen zu sein. Wo sind ihre Leichtigkeit und Abenteuerlust geblieben? Und lässt sich der Punkt wiederfinden, an dem scheinbar noch alles offen war?
Um genau diese Fragen kreisen die Erzählungen in Julia Wolfs DU, HIER. Die Autorin führt ihre Protagonistinnen an Momente, in denen verdrängte Sehnsüchte, vergessene Wünsche oder verborgene Ängste wieder an die Oberfläche treten. Auslöser sind Begegnungen, Erinnerungsorte oder unerwartete Situationen:
Wanda fährt nach dem Tod ihrer Schwiegermutter allein in deren Haus, um endlich zu schreiben und die Geschichten zu finden, die ihr jahrelang verschlossen blieben. Doch stattdessen trifft sie dort auf etwas anderes.
Truckerin Loretta, immer unterwegs und komplett selbstbestimmt, muss plötzlich ihr schweigsames Enkelkind mitnehmen. Die gemeinsame Fahrt bringt verdrängte Erinnerungen, aber auch eine Annäherung und ein Geheimnis hervor.
Ob Freundin, Schwester, Tochter, Mutter, Partnerin oder Geliebte: Wolfs Figuren stehen stets in Beziehung zu anderen Menschen. Themen wie Mutterschaft, unerfüllter Kinderwunsch oder bewusste Kinderlosigkeit sind präsent. Daneben erzählt Wolf von Herkunft und sozialem Aufstieg, von Scham und dem Wunsch, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen. „Sie hat sich die Derbheit abtrainiert. Die Derbheit ihrer Kindheit und Jugend.“ (S. 92)
Wolf erschafft wunderbar ambivalente Protagonistinnen. Auch wenn sie feststecken oder sich verloren fühlen, geben sie die Verantwortung für ihr Leben nicht ab. Sie ringen mit Widersprüchen, suchen nach einem Weg, zurück ins Handeln und zu sich selbst.
„Es ist, als hätte sie sich verloren und nähme jetzt endlich wieder Gestalt an“ (S. 196)
Die Erzählungen begleiten ihre Figuren in Augenblicke tiefer Erkenntnis und unvermittelter Lebendigkeit. Für einen Moment begegnen sie einem verborgenen Teil ihrer selbst. Vielleicht steht dafür der Titel DU, HIER: Für das plötzliche, klare Erkennen des eigenen Ichs, das tief im inneren Verborgen war.
„Das ist nicht das Ende. Das ist der Anfang von etwas Neuem“ (S. 201)
Jede Geschichte hat mich aufs Neue mitgerissen. Besonders gefallen haben mir „Die Heldin ihrer Geschichte“, „Ein schönes Paar“ und „Alles öffnet sich“. Eine große Leseempfehlung.
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Erzählungen
Verlag dtv
Seitenzahl 251
ISBN 978-3-4234486-66
Erscheinungsdatum 19.02.2026
Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!
