Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
- Stephanie Schaefers
- März 9, 2026
- #diekanon, #erinnerungsbuch, #judithhermann, #sfischer, #weiblicherkanon
Welche Türen zu Erinnerungsräumen lassen sich öffnen – und welche bleiben verschlossen? Diese Frage steht im Zentrum von ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DER ZEIT, in dem Judith Hermann einer familiären Leerstelle nachspürt: ihrem Großvater.
Schon zu Lebzeiten war der Vater ihrer Mutter ein zumeist Abwesender. Seine Vergangenheit in der SS, von der er sich nie distanzierte, blieb für seine Kinder ein offenes Geheimnis. Der schuldhafte Schatten dieses Großvaters, den die Autorin nie kennengelernt hat, reicht bis in ihre Generation und hat sich wie eine diffuse, schwer greifbare Last in ihre Familie eingeschrieben.
Als schreibendes Ich möchte Judith Hermann nun dem beharrlichen Schweigen begegnen. Das Ich befragt seine über achtzigjährige Mutter. Doch deren Erinnerungen an den Vater bleiben bruchstückhaft, entziehen sich schließlich komplett. Als letzten Schritt, um dem Unsagbaren näherzukommen, reist die Enkelin ins polnische Radom. Ein Foto zeigt den Großvater dort im Juli 1941, auf einem Motorrad sitzend. Als Nachfahrin erhofft sie sich, an diesem realen Ort Zugang zu den verschlossenen Erinnerungsräumen zu erhalten.
„Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht“, offenbart Judith Hermann in WIR HÄTTEN UNS ALLES GESAGT, ihrer Frankfurter Poetikvorlesung aus dem Jahr 2022. Die Autorin beschreibt darin, wie sie im Prozess des Erinnerns und Erzählens einen autobiografischen Kern durch Brechungen, Verzicht und Verschweigen zu neuen literarischen Möglichkeitsräumen formt.
Nun zeigt Judith Hermann in ihrem neuen Text die Grenzen eines solchen Schreibens auf. Denn der reale Großvater entzieht sich der literarischen Formbarkeit, bleibt blinder Fleck. So wird ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DER ZEIT weniger zur Aufklärung einer Familiengeschichte als zu einem tastend-schreibenden Annähern an familiäres Schweigen und fortwährende Distanz.
Judith Hermann gestaltet keinen neuen Möglichkeitsraum, versucht nicht den Großvater zu erklären oder gar zu entlasten. Seine Geschichte lässt sich nicht rekonstruieren oder erzählen, sondern nur umkreisen. Die Autorin öffnet spaltbreit die Tür zu einem dunklen Erinnerungsraum. Vollständig ausleuchten kann sie ihn nicht, aber sie kann kleine Fäden hindurchziehen, sich an ihnen entlangtasten, sich durch sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester im fernen Napoli behutsam verbinden. Genau darin liegt die Stärke dieses schwebend erzählten, bewusst vagen Textes, der ohne auflösendes Moment bleibt, dessen dunkler Kern nun aber in Worte gefasst ist und dem völligen Schweigen, dem Nicht-Erinnern, entgegentritt.
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Roman
Verlag S. Fischer
Seitenzahl 160
ISBN 978-3103977-646
Erscheinungsdatum 25.02.2026
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an den S. Fischer Verlag!
