Annika Büsing – Magisch
- Stephanie Schaefers
- Juli 29, 2026
- #annikabüsing, #diekanon, #herkunftsgeschichte, #roman, #sfischer
Bereits bei ihrer ersten Begegnung am Knallerbsenstrauch war klar: Marie und Magisch gehören zusammen. Erst als beste Freunde, später als Fastgeschwister, als Magisch bei Maries Familie einzieht, schließlich als Punkpärchen eines Dorfes, irgendwo am Rand des Ruhrgebiets. Jung und unerschrocken, so waren Marie und Magisch mal. Als Heimchen-Ninjas haben beide so einige Leute gegrillt, sind für ihre Überzeugungen auf die Straße und in die Häuser gegangen.
Doch ausgerechnet Maries älterer Bruder Andy wird zu ihrem schlimmsten Gegner. Während Marie und Magisch nach links gehen, radikalisiert sich Andy nach rechts. Sein Hass richtet sich auch gegen Magisch. Als Andy Magisch die Knochen brechen lässt, entzweit das Maries Familie und vor allem ihre Beziehung zu Magisch. Was bleibt von (Geschwister)Liebe, wenn der Feind der eigene Bruder ist?
Nun, Jahre später, steht Paul Magisch plötzlich wieder vor Marie. Nach dem Tod seiner Mutter bewohnt er ihr Haus, ist verschuldet und verdient sich Geld als illegaler Tierentsorger. Marie ist nach einem abgebrochenen Studium und einer gescheiterten Beziehung schon früher in ihre Heimat zurückgekehrt und führt dort eine Hundetagesstätte. Ein halbes Leben liegt zwischen ihnen. Aus Punkfrisur und Batikshirt sind ergrautes Haar, Schlappen und Bierbauch (bei Magisch) geworden. Doch was sind Äußerlichkeiten, wenn die Überzeugungen von Recht und Unrecht eher stabiler geworden sind. Mit Magisch an ihrer Seite kann Marie ihrem Bruder nun entgegentreten. Diesmal wollen sie nicht weglaufen.
Annika Büsing beweist wie in ihren drei vorherigen Romanen auch in MAGISCH ihr Gespür für skurril-liebenswerte Figuren. Ihre Protagonist*innen kennen Niederlagen und soziale Brüche, ohne sich ausschließlich davon bestimmen zu lassen. Besonders ihre direkten und humorvollen Dialoge bringen viel Dynamik und Unmittelbarkeit in die Handlungen. In MAGISCH überzeugte mich aber nicht jeder Dialog. Manche Dialoge sind mir zu überzeichnet geraten und kippen für meinen Geschmack ins Slapstickhafte. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mich noch dem eher leisen, introvertierten Ton aus WIR KOMMEN ZURECHT verbunden fühlte. MAGISCH knüpft stattdessen stärker an NORDSTADT an: rauer, lauter und unmittelbarer.
Vor allem aber ist MAGISCH ein politischer Roman, ohne zum Thesenroman zu werden. Büsing interessiert sich nicht für abstrakte Debatten über Rechtsextremismus, sondern für seine Folgen und die Auseinandersetzung im Privaten. Sie erzählt davon, wie sich eine Familie verändert, wenn Angehörige in die rechte Szene abrutschen, wie Verbundenheit, Angst und Ohnmacht miteinander ringen. Gerade weil Büsing diese Konflikte nicht vereinfacht, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit erzählt, entwickelt der Roman darin seine größte Kraft.
„über diesen Teil sind wir alle lange hinweg, dass wir denken, Nazis kommen böse und mit Hitlerbärtchen auf die Welt. Ich habe auch keine Erklärung dafür, wie man Nazi wird, aber ich glaube, es fängt immer damit an, dass man aus irgendeinem Grund denkt, dass einem mehr zusteht als anderen.“ (88)
MAGISCH ist deshalb weit mehr als die Geschichte einer wiedergefundenen Liebe. Es ist ein Roman über Beziehungen, Familie und politische Haltung. Die Verbindung aus großer Zuneigung für ihre Figuren und dem ungeschönten Blick auf gesellschaftliche Brüche macht Annika Büsings Roman eindringlich und lesenswert.
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Roman
Verlag S. Fischer
Seitenzahl 288
ISBN 978-3-103977448
Erscheinungsdatum 29.06.2026
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an den S. Fischer Verlag!
