Siri Ranva Hjelm Jacobsen – Meeresbriefe

Die jüngere Schwester schreibt der deutlich Älteren. Sie leidet, sucht Halt und möchte aus deren Erfahrung Trost schöpfen, von ihr beruhigt werden. Die Ältere antwortet mit Geschichten und Gleichnissen, denn sie trägt Erinnerungen der ersten Stunde in sich, an eine Zeit, in der noch alle Schwestern vereint waren.

Der dänischen Autorin Siri Ranva Hjelm Jacobsen gelingt mit MEERESBRIEFE eine eindringliche und zugleich poetische Reflexion über den Zustand unserer Weltmeere. In Form eines Briefwechsels zwischen Mittelmeer und Atlantik entfaltet sich ein leiser, aber kraftvoller Dialog: Das Mittelmeer klagt über Verschmutzung und drohenden Kollaps – „ich schwitze, fühle mich aufgebläht“ (26) -, während der Atlantik eine distanzierte, fast düstere Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Treiben entwickelt hat: „bald werden wieder große Wälder in uns wachsen, üppig und schwarz von Nährstoffen“ (58).

Das sanfte, glitzernde Mittelmeer leidet mit den Menschen an seinen Küsten, es zeigt mitunter sogar Zuneigung. Nur allzu gut, erinnert es sich an einen gewissen Ikarus. Der Atlantik hingegen wirkt schroff und abgeklärt. Atlantik denkt in großen Dimensionen und erkennt im „Geziefer an Land“ (49) eher ein vorübergehendes Phänomen als eine Bedrohung. Einst war die Erde von einer einzigen Wassermasse bedeckt. Eine Rückkehr zu dieser verlorenen Einheit wäre für die Meeresschwestern kein Untergang, sondern Erinnerung.

Die schlichten, doppeldeutigen Briefe verleihen dem Text eine philosophische Tiefe, die lange nachhallt. Jacobsen fordert dazu auf, Perspektiven zu verschieben und den uralten Stimmen der Natur zuzuhören – ein ebenso poetischer wie dringlicher Appell.

Mit zahlreichen Grafiken der Kopenhagener Künstlerin Dorte Naomi.

#namethetranslator: Aus dem Dänischen von Franziska Hüther

[Werbung, eigenes Exemplar]

Infos zum Buch

Genre Roman
Verlag
März Verlag
Seitenzahl 64
ISBN 978-3755000648
Erscheinungsdatum 09.03.2026