Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung
- Stephanie Schaefers
- Dezember 23, 2025
- #ottessamoshfegh, #roman
„Ich mach einfach mal Pause, mehr nicht. Ein Jahr der Ruhe und Entspannung“, verkündet die Ich-Erzählerin ihrer Freundin Reva. Was sich wie eine kleine Auszeit anhört, wird allerdings ein radikales Experiment. Mit wachsender Präzision wirft sie sich gefährliche Cocktails aus Psychopharmaka, Sedativa und Schlaftabletten ein, um der Welt für Stunden, bald für Tage, zu entgleiten. Einer Welt, die für sie im Wachzustand aus Einsamkeit und Leere besteht. Ihr Ziel: ein monatelanger Winterschlaf, der die laute, fordernde Welt still werden lässt, nach dem sie, neu und gestärkt erwachen will.
„Wenn ich so weitermachte, dachte ich, würde ich völlig verschwinden und in neuer Form wiederauftauchen. Das war meine Hoffnung. Das war mein Traum“ (96)
Über Monate begleiten wir die Ich-Erzählerin durch die Vorbereitungen auf ihren ‚Winterschlaf‘. Mit der zweifelhaften Psychiaterin Dr. Tuttle an der Seite, die ihr jedes erdenkliche Präparat verschreibt, gelangt sie bald ins Extreme. Statt zu ruhen, begibt sie sich ‚schlaftrunken‘ und zombiegleich in Ausnahmesituationen.
Ottessa Moshfeghs Roman erzählt abgründig über Verlassenheit, Erschöpfung und die Sehnsucht, sich selbst auszuschalten, ohne zu sterben. Die Protagonistin besitzt alles, was gesellschaftlich zählt – Bildung, Geld, Aussehen – und doch nichts von dem, was sie trägt: Nähe, Anerkennung, Vertrauen, Selbstliebe. Rückblenden legen eine Biografie frei, die unweigerlich auf diesen Abgrund zusteuert.
Der Schauplatz – New York 2000/2001 – wirkt wie ein stiller Kommentar zur amerikanischen Ära vor 9/11: Eine Welt vor dem Zusammenbruch, glänzend und scheinbar unerschütterlich. Moshfeghs Figur ist wie die Kehrseite dieser Realität, die sich diesem ausgehöhlten „American Dream“ verweigert und sich stattdessen ironisch dem „guten, starken amerikanischen Schlaf“ hingibt. Ihr „Ich möchte lieber nicht“ erinnert an Melvilles Bartleby, nur dass ihre Verweigerung in radikale Selbstbetäubung führt. Faszinierend ist, dass sie nicht sterben, sondern aus dem Schlaf erneuert hervorgehen will – als könne ein Reset des Bewusstseins das beschädigte Innere heilen.
Wer diesen düsteren, hypnotischen Abstieg begleitet, taucht in eine Geschichte, in der auch die Lesenden kurz den Boden verlieren.
„Ich würde Halten finden. Wenn ich aus der Höhle heraustrat, zurück ans Licht, wenn ich endlich aufwachen würde, wäre alles neu – die ganze Welt.“ (285)
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anke Caroline Burger.
[Werbung, eigenes Exemplar]
Infos zum Buch
Genre Roman
Originaltitel: My Year of Rest and Relaxation
Verlag btb Verlag
Seitenzahl 320
ISBN 978-3442719457
Erscheinungsdatum 07.12.2020
