0126 Miku Sophie Kühmel Hannah

Miku Sophie Kühmel – Hannah

Wir begleiten im Jahr 1926 Hannah und Til durch kurze Momente eines sommerlichen Tages in Paris. Ein Tag, der immer wieder von Rückblenden durchzogen ist, an andere Orte und zu weiteren Personen führt, in andere Zeiten springt und das Jetzt unmittelbar in vergangene Erinnerungen auffächert.

In Hannahs und Tils momentanen Zusammensein ist alles aufregend, intensiv und leicht. Obwohl sie sich im Temperament unterscheiden – die zurückhaltende Hannah ist fasziniert von der provokant-direkten Til – begegnen sie sich auf Augenhöhe: körperlich, geistig, emotional, sprachlich, im Humor. Noch wissen beide nicht, dass ihre Innigkeit nicht für immer so bleiben wird.

Hannah Höch, bildende Künstlerin des Berliner Dadaismus, und Til Brugman, niederländische Autorin, Sprachgenie und Sprachakrobatin, verbringen neun intensive und wechselvolle Jahre miteinander. Jahre in Den Haag, Berlin und an vielen anderen Orten, geprägt von gegenseitiger Stärkung und künstlerischer Inspiration. Im Jahr 1936 werden sich ihre Wege wieder trennen.

Schon früher wird das Ungleichgewicht ihres künstlerischen Erfolgs zur Herausforderung für ihre Beziehung. Während Hannah Aufmerksamkeit für ihre Kunst erfährt, bleibt Tils großes Talent unbeachtet, ihre Texte ungedruckt. Zur existenziellen Bedrohung jedoch – für Leben, Liebe und die Arbeit der queeren Künstler*innen wird jedoch die zerstörerische Macht des Nationalsozialismus. An Hannah und Til wird deutlich, wie fragil die vermeintlich erkämpften Freiheiten der avantgardistischen Künstler*innen waren.

Obwohl nah an Hannah Höchs Gedanken und Gefühlen erzählt, ist Miku Sophie Kühmels Text vielstimmig: Stimmen anderer Zeitgenoss*innen fügen sich durch Briefausschnitte, Postkarten und zahlreiche Dialogsequenzen zu einer Textcollage, die nur so vor Leben vibriert und ein eindrückliches Porträt der Zeit vermittelt.

Mit HANNAH hat Miku Sophie Kühmel einen außerordentlich dichten und beeindruckenden Text geschaffen. Ihr erzählerisches Verfahren lässt sich treffend mit dem Titel ihres Debüts KINTSUGI beschreiben: Dem japanischen Verfahren, Zerbrochenes mit Goldkit wieder zusammenzusetzen und die Risse sichtbar zu machen. In HANNAH zerlegt Kühmel die Biografie der historischen Hannah Höch, macht Brüche und Kanten kenntlich und setzt alles kunstvoll, behutsam und zugleich neu zusammen. HANNAH ist ein literarisches Kintsugi. Eine Geschichte über Liebe und gegenseitige Toleranz, über Zweifel und Brüche.

Absolute Leseempfehlung!

[Werbung, Rezensionsexemplar]

Infos zum Buch

Genre Roman
Verlag
S. Fischer
Seitenzahl 304
ISBN 978-310-3974-928
Erscheinungsdatum 16.07.2025

Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar!