Katerina Poladjan – Goldstrand

Was wäre, wenn sich Erinnerung in einen konkreten Raum verwandeln könnte? Wenn all jene Ereignisse und Gefühle, die sich durch die Weitergabe von Familiengeschichten überlagern und unsortiert in uns fortleben, an einem Ort zusammenfänden?

Zu vierzig Sitzungen trifft sich Eli mit der Dottoressa. In unvermittelt aufblitzenden Bildern, denen nicht immer zu trauen ist, gelangt er dabei an den GOLDSTRAND, einem Ort, an dem er selbst nie war. Um diesen Erinnerungsraum kreisend erzählt Eli in Fragmenten und Erinnerungsschüben von sich und der Geschichte seiner Familie. Einst war der GOLDSTRAND ein namenloser Küstenstreifen in Bulgarien, an dem sich sein Großvater Lew nach einer aufreibenden Flucht aus Odessa mit seinem Sohn Felix niederließ. Auf dieser Flucht verschwand seine Tochter Vera spurlos.

Jahre später, nun im Wandel hin zu einem sozialistischen Ferienort, trifft Felix am GOLDSTRAND auf eine andere Gestrandete. Francesca floh aus Rom vor ihrem vorgezeichneten Leben und der Welt ihres Vaters Omero, einem Anhänger Mussolinis. Am GOLDSTRAND verbringt sie eine kurze, unbeschwerte Zeit mit Felix. Eli ist ihr Ergebnis. Francesca kehrt schwanger nach Rom zurück. Sie wird Felix nie wiedersehen, Eli seinen Vater nie kennenlernen.

Bei der Dottoressa formuliert Eli Fragen nach seiner Herkunft und nach seinen familiären Verstrickungen. Warum drehte er als Filmregisseur einen Film über die verschollene Vera? Benennt später sogar seine eigene Tochter nach ihr? Mit fast sechzig – seine Ehe ist gescheitert, zu seiner Tochter Vera hat er kaum Kontakt – erscheint Eli als Gefangener einer Familiengeschichte, die sich nur durch fantastische Querverbindungen und eine imaginierte Reise an den GOLDSTRAND lösen lässt.

Nach dem Prinzip eines filmischen Erzählens mit Überblendungen und experimentellen Schnitten entfaltet Katerina Poladjan ihren Roman. Dabei ist es nicht immer leicht, sich in Elis verwinkeltem Erinnerungskosmos zurechtzufinden, in dem sich Realität und Imagination, Geschichtssplitter und individuelle Schicksale überlagern.

„Vielleicht müssen Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, wir müssen sie nur weiterleben und weitertragen“ (126)

[Werbung, Rezensionsexemplar]

Infos zum Buch

Genre Roman
Verlag
S. Fischer
Seitenzahl 160
ISBN 978-3103971767
Erscheinungsdatum 27.08.2025

Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.