Jaqueline Scheiber – Schwimmen Schweben

Auch zwei Stunden nach dem Schwimmbadbesuch hat sie noch die Abdrücke der Schwimmbrille um die Augen. Es stört sie nicht. Sie empfindet sie als schöne Markierung auf ihrem Körper – ein Zeichen auf der Haut, das sie mit Wohlwollen und Wärme erfüllt.

Mit SCHWIMMEN SCHWEBEN entwirft Jaqueline Scheiber einen vielschichtigen Essay über das Eintauchen und Loslassen. Das Finden einer Schwimmroutine bedeutet zunächst eine mehrfache Überwindung, eine Annäherung an den eigenen Körper, eine Auseinandersetzung mit auferlegter Scham und Selbstkontrolle. Im Wasser zählt keine Form, keine Leistung, kein Vergleich. Der Körper ist nicht Objekt, sondern Erfahrung: Bewegung, Atmung, Rhythmus. Die Schwerelosigkeit löst den Blick von außen ab und schafft Raum für ein neues Körpergefühl.

Auch die Gemeinschaft der Schwimmenden ist entscheidend: Das kollektive Nebeneinander, das Zugehörigkeit ermöglicht, ohne zu fordern. So entsteht für Scheiber zusätzlich eine wirkungsvolle Verschiebung hin zu einem spielerischen, akzeptierenden Umgang mit dem eigenen Körper. Auch mit jedem neuen Schwimm-Ort – Hallenbad, Freibad, Meer – weitet sich der Raum, auch gedanklich. Schwimmen wird zur Grenzüberschreitung, körperlich, emotional, gesellschaftlich und auch literarisch.

Denn SCHWIMMEN SCHWEBEN ist auch ein Nachdenken über das Schreiben, das dem Schwimmen gleicht. Schwimmen und Schreiben folgen Bahnen, verlangen Wiederholung und Überwindung, tasten sich voran. Der ‚fluide‘ Textkörper spiegelt die körperliche Erfahrung im Wasser. Über ihren Text verbindet sich Scheiber mit anderen Autor*innen und deren essayistischen oder fiktiven Schwimmtexten.

Gleichzeitig erfolgt durch das Schwimmen eine Erinnerung an die eigene Herkunft und Familiengeschichte: Scheibers Mutter hat als Leistungsschwimmerin im sozialistischen Ungarn der 1970er Jahre Frieren, Nicht-Aufgeben und Selbstüberwindung als fordernd, aber auch stärkend erfahren. Prägungen, auf die die Tochter nun einen neuen Blick wirft, sich dazu in Beziehung setzt.

SCHWIMMEN SCHWEBEN ist mehr als ein Essay über die wiederentdeckte Lust am Schwimmen. Jaqueline Scheiber verknüpft die Bewegung im Wasser mit einer scharfen Auseinandersetzung mit patriarchal geprägter Regulierung, die weibliche Körper bis heute formen und begrenzen. Sie macht sichtbar, was oft übersehen wird: dass selbst das Schwimmen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern von Fragen sozialer Herkunft, von Klassismus, Geschichte und kulturellen Prägungen durchzogen ist.

Im Kern erzählt der Essay vom Loslassen auferlegter Körperbilder und Leistungslogiken, die Selbstbewusstsein und Selbstliebe untergraben. Zug um Zug, beinahe meditativ, entsteht im Wasser ein neues Körpergefühl: getragen, frei, sich selbst gehörend.

Was im Wasser beginnt, endet nicht am Beckenrand. Die Schwimmer*in nimmt diese Erfahrung mit an Land – als leise, aber radikale Form der Selbstermächtigung, die weit über das Schwimmen hinausweist.

„Zug um Zug setzte sich eine Fläche in mir frei, die das Selbstbewusstsein sichtbar machte, das ich dort nicht mehr vermutet hätte.“ (48)

Eine kürzere Version meiner Besprechung ist im Bremer Am Meer Magazin (Ausgabe 5/2026) zu finden. Herausgegeben vom Speicher Verlag, der Gestaltungsagentur Blaukontor und dem Buchladen Logbuch.

[Werbung, Rezensionsexemplar]

Infos zum Buch

Genre Essay
Verlag
leykam
Seitenzahl 144
ISBN 978-3-70118403-3
Erscheinungsdatum 10.03.2026

Vielen Dank an den Verlag leykam für das Rezensionsexemplar!