Jazmina Barrera – Leuchttürme
- Stephanie Schaefers
- Juni 28, 2026
- #dörlemann, #leuchtturm, #meer
Kann man Leuchttürme sammeln? Oh ja … und wie das mit Blick auf das eigene Leben und in literarischen Querbezügen funktioniert, zeigt Jazmina Barrera auf poetisch-erzählende Weise. Durch das Aufsuchen verschiedenster Leuchttürme – an der nordamerikanischen Westküste, am Atlantik der Normandie, im Baskenland oder auf den Kanaren – erzählt die mexikanische Autorin, welche Bedeutung diese Bauwerke für sie haben, und denkt zugleich über ihre kultur- und literaturgeschichtliche Funktion nach.
So erweitert sich ihre Sammlung bis hin zu fernen, ja unerreichbaren Leuchttürmen aus vergangenen Zeiten oder rein fiktiven Welten. In Texten von Shakespeare, Poe, Jules Verne, Virginia Woolf, Hildegarde Swift, James Joyce, Yukio Mishima, Max Frisch oder Jonathan Franzen, aber auch in der bildenden Kunst eines Edward Hopper, spürt Barrera immer neue Leuchttürme auf.
All diesen Kolossen ist gemein, dass sie, dem Kommen und Gehen der Wellen ausgesetzt, unbeirrbar ihr Licht aussendend, für Beständigkeit und Dauer stehen. An steilen Klippen, oft selbst aus Fels errichtet, bieten sie Seefahrer*innen Orientierung. Ihre Technik – Lichtsignal, Nebelhorn, widerständige Architektur – wirkt dabei bisweilen nahezu genial.
Heute jedoch sind Leuchttürme auch anders den Gezeiten unterworfen: GPS und digitale Navigation haben sie weitgehend überflüssig gemacht. Sie stehen als funktionslose Relikte an den Küsten, wirken wie Tempel einer vergangenen Epoche, sind oft touristische Ziele, naturkundliche Orte, bisweilen auch Mahnmale für verlorene Menschenleben.
Als Bauwerke an der Grenze zwischen Zivilisation und Natur sind sie untrennbar mit Leben und Tod verbunden. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Barrera auch den Leuchtturmwärter*innen, die oft in großer Einsamkeit für das Wohl anderer sorgen.
Zugleich zeigt Barrera die psychologische Kraft von Leuchttürmen: In der Begegnung mit ihnen, real oder im Text, entfernen wir uns von uns selbst. Der Leuchtturm wird zum „Ideal, Erinnerung, Verheißung: das Unerreichbare. Das, was uns bewegt.“ (41)
„Man kann den Leuchtturm nicht ohne das Meer denken. Denn beide sind eins und zugleich gegensätzlich.“ (27)
So erzählt LEUCHTTÜRME auch von einer tiefen Liebe zum Meer und zur Literatur. Mehr noch: Das Buch ist ein leises, überzeugendes Plädoyer für die Kraft des Erzählens. Denn, so Barrera, „ich kann die Leuchttürme, die ich unmöglich besuchen kann, ‚lesen‘: die zerstörten, die abgelegenen, die erdachten.“ (106)
Eine kürzere Version meiner Besprechung ist im Bremer Am Meer Magazin (Ausgabe 5/2026) zu finden. Herausgegeben vom Speicher Verlag, der Gestaltungsagentur Blaukontor und dem Buchladen Logbuch.
#namethetranslator: Grit Weirauch
[Werbung, Rezensionsexemplar]
Infos zum Buch
Genre Essay
Verlag Dörlemann
Seitenzahl 160
ISBN 978-3-038201779
Erscheinungsdatum 16.09.2025
